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»https://www.tagesschau.de/ausland/mossulkaempfe-103.html

 


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Betreff: Programmbeschwerde: Mossul-embedded Journalism
Datum: 12. Januar 2017 um 17:13:21 MESZ
An: "NDR RR VWR" gremienbuero@ndr.de, l.marmor@ndr.de

Programmbeschwerde: ARD-aktuell tendenziös - Kaum Berichte aus Mossul

von Volker Bräutigam* & Friedhelm Klinkhammer**

Sehr geehrte Damen und Herren Rundfunkräte, sehr geehrter Herr Intendant,

seit Monaten versucht die Westallianz unter Führung der USA, die irakische Millionenstadt Mossul von Terroristen des IS und der al-Kaida zu befreien. Praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit; wenn doch einmal berichtet wird, dann nach Art des „embedded journalism“: Wie eben Reporter schreiben, die sich nicht frei bewegen und unabhängig berichten können, sondern die von Presseoffizieren gründlich „beschützt“ und deren Texte sorgfältig zensiert werden:

...Die Stadtviertel dort sind dichter besiedelt, dadurch sind Luftangriffe der Anti-IS-Koalition unter Führung der USA schwierig. Zivilisten befinden sich in akuter Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten oder vom IS als menschliche Schutzschilde missbraucht zu werden....“ Quelle: siehe oben

Da wird zwar von Verwundeten berichtet. Nicht aber von getöteten Zivilisten, und der Verdacht, es geschähen auch Kriegsverbrechen, klingt erst recht nicht an. Die USA haben zwar selbst vor zwei Monaten einmal eingeräumt, bei Bombenangriffen 182 Zivilisten getötet zu haben, fraglos eine geschönte Zahl. Aber unsere transatlantisch verformten ARD-aktuell-Edelfedern erwähnen sie nicht, geschweige denn, dass sie sich trauten, die Todeszahlen auf den neuesten Stand zu bringen.

Die Suchmaschine auf tagesschau.de mit dem Stichwort „Mossul" bringt noch einen zweiten Eintrag an diesem 11. Januar 2017:

...Die irakische Armee vermeldet Fortschritte im Kampf gegen den IS. Sie hat in den vergangenen Tagen Territorialgewinne in der IS-Hochburg Mossul erzielt. So konnten irakische Elitesoldaten am Sonntag erstmals das Ostufer des Tigris erreichen, der die Stadt teilt....“ Quelle: »https://www.tagesschau.de/ausland/mossul-273.html

Von zivilen Todesopfern steht auch da nichts. Das Ganze ist nicht Kriegsbericht, sondern Kriegspropaganda.

Der letzte Mossul-Bericht davor ist volle zwei Wochen älter, vom 29. Dezember 2016. Auszug:

Es ist die größte Militäraktion seit der US-Invasion im Jahr 2003: Etwa 100.000 irakische Soldaten und ihre Verbündeten haben die Offensive auf die IS-Hochburg Mossul fortgesetzt. (…) Aus Sicht der Amerikaner verläuft die Offensive bisher dennoch nach Plan. ... Oberst Brett G. Sylvia: ‚Zuerst gab es schnelle Fortschritte, als wir Dörfer am Rand gesäubert haben und näher an die Stadt rückten. Aber als die städtische Bebauung dichter wurde, verlangsamten sich die Geländegewinne.’...“ Quelle: »https://www.tagesschau.de/ausland/mossul-is-hochburg-101.html

Über zivile Opfer dieser „größten Militäraktion seit der US-Invasion in den Irak“ erfährt man selbstverständlich auch in diesem Frontbericht eines „eingebetteten" Journalisten kein Wort. Verständnisinnig heißt es vielmehr:

...je tiefer es in die Stadt hinein ging, desto mehr Rücksicht mussten die Truppen auf die Zivilbevölkerung nehmen....“ Quelle: ebd.

Man denke: ARD-aktuell unterrichtet allenfalls im Abstand von mehr als zwei Wochen über einen Krieg, und nicht mal dann im TV-Programm, sondern nur im Internet-Angebot. Und weil in Mossul nicht böse Russen und Syrer versuchen, eine Millionenstadt zu befreien von mörderischem Terroristengesindel wie im Falle Ost-Aleppo, sondern weil diesmal liebe gute US-Amerikaner und ihre löblichen Verbündeten genau das Gleiche und mit gleichen Mitteln machen, ist das dürftige Informationsangebot darüber – eine pure Farce. Erbärmliche, nur von Beifall für die Westliche Militärallianz getragene Reklame. Ansonsten wird geschwiegen.

Selbst Kriegsverbrechen wie die Bombardements auf Krankenhäuser werden von unserer transatlantisch aufgeplusterten ARD-aktuell nicht gemeldet. Das schafft nur die kommerzielle Konkurrenz. Beispiel hier: »http://de.euronews.com/2016/12/30/irak-offensive-auf-mossul-fordert-immer-mehr-zivile-opfer

Über den russisch-syrischen Kampf zur Befreiung Ost-Aleppos von Kopfabschneidern und Söldnerpack berichtete ARD-aktuell tagtäglich. Regelmäßig vorwurfsvoll, oft verbunden mit beweisloser, direkter Beschuldigung der Befreier („Fassbomben, Fassbomben“). Vollmundiges Beklagen der vielen Toten und Verletzten, besonders der armen Kinder. Da galt es, die „bewaffnete Opposition“ schönzureden und Rücksicht auf „gemäßigte Rebellen“ einzufordern, vor allem aber „Machthaber Assad“ und den Gottseibeiuns Putin anzuprangern. Da gab es keine, auf Seiten der Syrischen Armee oder im russische Militär, „eingebetteten“ ARD-Korrespondenten. Unsere deutschen Qualitätsjournalisten kauften sich lieber Informationen und Filmchen gleich direkt bei den Terroristen und ihren kriminellen Märchenerzählern, organisiert im AMC und bei den Weißhelmen. Man stelle sich vor, die ARD-Korrespondeten würden das auch in Mossul so machen und sich vom IS besoffen machen lassen....

Programmauftrag, Programmrichtlinien und die Bestimmungen zur Programmgestaltung im NDR-Staatsvertrag verlangen eine umfassende, vollständige, der Wahrheit verpflichtete, gründlich überprüfte, der Völkerverständigung dienende und journalistischen Prinzipien folgende Nachrichtengestaltung. Vergleichen Sie das umfangreiche Geschwall der Tagesschau über Russlands Befreiung Ost-Aleppos mit ihrem beredten Schweigen über Mossul. Und haben Sie dann immer noch die Dickfelligkeit, uns zu versichern, Sie seien „nach intensiver Diskussion und sorgfältiger Prüfung des Sachverhalts“ zu dem Schluss gekommen, ARD-aktuell verstoße nicht gegen den Staatsvertrag.

Eine anderslautende Entscheidung würde uns nämlich sehr überraschen.

Mit freundlichen Grüßen
»Volker Bräutigam & Friedhelm Klinkhammer

Anmerkung: Wir an Ihrer Stelle würden uns schämen, wenn wir wie Sie - in völliger Übereinstimmung mit den Herren Dr. Gniffke und Schwenck und der medialen Unterstützung von "Rebellen", d.h. Terroristen und Kopfabschneidern aus Aleppo - die Öffentlichkeit hinters Licht geführt hätten:

»*Volker Bräutigam war von 1975 bis 1985 Redakteur in der Tagesschau-Zentrale Hamburg und auch danach noch, bis 1995, beim öffentlich-rechtlichen NDR (in der Hauptabteilung Kultur) als Journalist tätig. Er schreibt heute für die Politik-Zeitschrift Ossietzky. Als Nachfolgerin der "Weltbühne" orientiert sie sich strikt an diesem Vorbild. (s.a.»http://ossietzky.net). 

**Friedhelm Klinkhammer war langjähriger Gesamtpersonalvorsitzender des NDR

Quellenangaben:

  • Grafik: mit freundlicher Genehmigung © www.egonkramer.de

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